Frank Michael Zeidler
Der nicht richtig eingestellte Fernseher flackert grau, wartet darauf, mit Farbe überflutet zu werden, wartet auf das Bild. Grau hat kein Bild, ist ein scheues Veilchen, schüchtern und unschlüssig, beinahe unbemerkt in den Schatten gefangen. Man kann sich von ihm zu Schwarz oder Weiß bewegen. Neutral, schreit es seine Anwesenheit nicht heraus. Anders als Rot, das auf Video Lärm erzeugt, ist dieses flimmernde Grau eine Lichtquelle und widerspricht damit Wittgensteins Bemerkung "Was leuchtend aussieht, sieht nicht grau aus".

Frank Michael Zeidler

Vom "Zu-sich-Kommen des Sichtbaren"


Seit dem Beginn der achtziger Jahre steckt Frank Michael Zeidler sein bildnerisches Terrain innerhalb der Grenze von Abstraktion und mehr oder weniger offener Figuration ab. Stets geht es dem Maler, Zeichner und Radierer dabei weniger um eine expressive Darstellung subjektiver Befindlichkeit als um eine sensible, wechselseitige Durchdringung von innerer Empfindung und äußerer Anschauung. Zeidlers Bilder sind Reaktionen auf eine Welt, die einer ständigen Veränderung unterworfen ist und in der selbst das beiläufig Wahrgenommene plötzlich Bedeutung erlangen kann.

Frank Michael Zeidlers gegenstandsfreie Werke sind gekennzeichnet durch ein breites Spektrum kaum auslotbarer Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß. Sie weisen gleichwohl kraftvoll und kontrastreich auftretende, flächige und klar abgegrenzte Zonen neben sensibel-nervös gesetzten, nahezu unruhig wirkenden Linien auf: Denn Zeidler macht auch in seinen Leinwandarbeiten intensiv Gebrauch von Graphit- und Kreidestiften. Klare räumliche Verhältnisse sind nicht ohne weiteres auszumachen. Die Pinselstriche markieren zwar die Bildfläche, deuten aber keinen Bildraum an. Dieser Künstler scheint der Auffassung zu sein, dass der durch Malerei auf der Fläche angedeutete Raum nicht als Ganzes überblickbar sein muss, ebenso wenig wie es um die Möglichkeit der eindeutigen Bestimmbarkeit des Bildinventars gehen soll. Denn nur was in der Malerei als Malerei verwendet worden ist, kann in ihr sichtbar werden. Auf diese Weise werden sowohl die Vorstellung als auch die Erinnerung aktiviert, die im Bild als sowohl räumliche als auch zeitliche Größen manifestiert sind. Hierbei gelingt es Zeidler stets, den Anschein mühelosen Gelingens zu erwecken. Da stimmen die Flächenverhältnisse ebenso, wie die Hell-Dunkelverläufe seiner in Schwarz-, Weiß- und Grautönen gehaltenen Bilder; da fügen sich kontrollierter Bildaufbau und spontane Geste widerstandslos ineinander. Frank Michael Zeidler schafft keine festen, definiten Gebilde, sondern er nähert sich ihnen ohne Festlegung und ohne begrifflich eindeutig fassbare Strukturen zu erzeugen. Das gestalterische Ziel wird angelegt, übermalt, verändert, verzeichnet, bis es schließlich aus der Fülle scheinbar flüchtiger und vorläufiger Flächen und Linien hervortritt. Zwar existieren keine klaren, auf den anschaulichen Begriff gebrachte Figurationen, doch immer wieder finden sich Formen der Annäherung und des Vorläufigen. Das so geschaffene Gebilde hält sowohl die Erinnerung an den Prozess seiner Entstehung wach als auch die an das Urbild, das dem nun als Malerei manifest gewordenen Abbild vorausgegangen sein mag.

Zudem gelingt es Frank Michael Zeidler mit dieser Vorgehensweise im Bild Zonen zu formulieren, die ihrerseits Spannungsfelder bilden, die nicht völlig aufzulösen sind. Hierzu zählt immer auch eine Form von Leere, ohne die keines seiner Werke funktionieren würde. Denn in dem Moment, in dem man meint, einen Gegenstand identifizieren zu können, hört Zeidler auf zu malen. Indem er Offenheit in Form von assoziativer Vieldeutigkeit mit kalkulierter Unklarheit vereint, verbindet dieser Künstler visuelle Begriffe, die von einem eher hybriden Umgang mit der Idee vom Bild zeugen. Fixiert wird gleichermaßen das Umschlagen einer Situation genau in jenem Augenblick, in dem noch ein wenig vom ‘Davor’ mitschwingt, das ‘Danach’ jedoch bereits wahrnehmbar ist. Dieser Schwebezustand, der kaum greifbare Moment des ‘Dazwischen’, kennzeichnet nahezu alle Arbeiten Frank Michael Zeidlers, die ebenso als distanzierte Untersuchungen wie als behutsame Bewegung entlang der Randzonen der Benennbarkeit und Wahrnehmung gesehen werden können. Er ermöglicht mit den Mitteln einer weitgehend ohne Farbsensationen auskommenden Malerei ein bildliches Nachdenken über die Erscheinung der Dinge, über Begriffe an der Grenze zum Nichtfassbaren und zum Verschwinden. Der Künstler spricht in diesem Zusammenhang von der „Anwesenheit der Dinge“. Zeidler evoziert Wahrnehmungen und Zusammenhänge, die sich auf ein und den selben Kern zurückführen lassen: Auf eine Imagination, die ‘Da-Sein’ als konkrete Verortung in einem Raum begreift, der sich geschlossen und offen, geordnet und ungeordnet zugleich präsentiert.

Vor diesem Hintergrund mögen Frank Michael Zeidlers Bilder und Zeichnungen mitunter als gestische Malerei missverstanden werden. Jedoch das Gegenteil trifft zu. Denn seine Arbeiten sind weit entfernt von jenen Ansätzen in der Kunst, die sich einer Nachbereitung des Informels oder des Abstrakten Expressionismus verdanken. Bemühen sich doch diese in einem rein selbstreflexiven Diskurs um permanente Vergewisserung und Begründung der eigenen Mittel und produzieren damit häufig nur Wiederholungen und Langeweile. Stattdessen geht Zeidler umso mehr von gesehenen Bildern aus deren abstrahierte Abbilder er nun neu erschafft und mit spontaner Improvisation verbindet. Stets liegt dem abstrakten Bild eine abstrakte Erinnerungsspur des Gegenständlichen zugrunde. So führt die Entfernung – oder gar die Befreiung – von den Dingen zu ihnen zurück. Infolgedessen grenzen Zeidlers Arbeiten sich in aller Deutlichkeit von rein expressiven oder informellen Ansätzen ab, indem er in seinen Bildern offensichtlich die der Malerei innewohnenden gestalterische Möglichkeiten reflektiert und somit die Malerei selbst thematisiert: als Möglichkeit für Erfahrungen, die nur im Medium des Bildes gewonnen werden können.

Solcherweise untersucht Frank Michael Zeidler die Bedingungen der Malerei mit den Mitteln eben dieser; er reflektiert, wie sich Bilder in Bildern zu immer neuen Wahrnehmungsangeboten verknüpfen lassen. Dabei distanziert er sich von diskursbestimmten Vorgaben und jeder Theorie, die im Wettbewerb mit der Praxis steht und von der Praxis meist überholt wird. So formuliert sein Werk die berechtigte Frage, was Malerei angesichts der unzähligen bereits gemalten – und Geschichte gewordenen – Bilder noch bewirken kann. Zeidler lässt sich damit in jener Traditionslinie der Moderne verorten, welcher die weitgehende Loslösung von der Farbe und vom Gegenstand gleichbedeutend ist mit der Befreiung des Künstlers von allen äußeren Vorgaben. In der Umkehrung dieser Beobachtung kann man sagen, dass sich das Erkenntnisinteresse dieses Künstlers nicht auf den Gegenstand der Malerei, sondern auf die Malerei als Gegenstand richtet. In seinem Bestreben, die Malerei – und damit die Farbe – als autonom herauszustellen, versucht er, ihre Körperhaftigkeit so weit wie möglich voranzutreiben. Die reine Farbe – dies schließt die ‘Nichtfarben’ ausdrücklich ein – bleibt immer an ihren materiellen Körper gebunden. Sie wird, so wie Frank Michael Zeidler sie einsetzt und aufträgt, zum Urgrund aller sichtbaren Dinge. Jedes seiner Bilder ist damit letzten Endes nichts anderes als in grandioser Weise über eine Leinwand ausgebreitete Farbe, die in eine poetische Schwebelage gebracht wurde.

Dirk Steimann 2006

Derek Jarman, Schlaue graue Zellen, in: Chroma: ein Buch der Farben, Berlin 1995, Seite 69 Maurice Merleau-Ponty, Das Auge und der Geist, Hamburg 1984, Seite 17
 
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